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Junge Frau im Gespräch mit einer Ärztin
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Junge Frau im Gespräch mit einer Ärztin

Versorgung der chronischen spontanen Urtikaria: Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit


Die chronische spontane Urtikaria (csU) betrifft etwa ein Prozent der Weltbevölkerung.1,2 Das Krankheitsbild geht weit über die dermatologischen Leitsymptome wie Quaddeln, Angioödeme und Pruritus hinaus.3 Betroffene leiden unter starken Einschränkungen der Lebensqualität, von Schlafstörungen bis zu sozialer Isolation.3 Nicht selten ist der hohe Leidensdruck mit Komorbiditäten wie Depressionen und Angststörungen assoziiert.2 
Angesichts dieser Krankheitslast ist der Status quo besorgniserregend: Studien zeigen eine deutliche Unterversorgung von csU-Patient*innen.4,5

Die aktuelle Versorgungssituation

Eine Umfrage zeigt, dass bis zur Diagnose der csU durchschnittlich drei Jahre vergehen.4 Die Hürden setzen sich in der Therapie fort: 80 Prozent der Betroffenen berichten von unzureichend kontrollierten Symptomen.4 60 Prozent der Patient*innen geben an, aktuell nicht in Behandlung zu sein.4

Auffallend ist die hohe Rate an topischen Therapieversuchen: Fast die Hälfte der Befragten greift auf topische Mittel zurück, obwohl für deren Wirksamkeit bei csU die Evidenz fehlt.4,6 Die Versorgungslücken begünstigen häufig eine ungerichtete Selbstmedikation oder alternative Verfahren.5 Die Folgen sind eine unnötig hohe Krankheitsaktivität und eine schlechtere Symptomkontrolle.5

Wie lassen sich diese Daten erklären? In einer Umfrage nennen rund zwei Drittel der Befragten mangelnden Therapieerfolg als entscheidenden Faktor.4 Die Konsequenz: Aus Enttäuschung über die Versorgungsrealität ziehen sich viele Patient*innen aus der ärztlichen Betreuung zurück.7


 

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Schnelle versus langsame Diganose einer chronischen spontanen Urtikaria
Abb. 1: Modifiziert nach Maurer M, et al. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2024 Nov;38(11):2093-2101. Figure 37

 

Wege aus der Unterversorgung

Eine Verbesserung der aktuellen Versorgungssituation ist dringend erforderlich. Das klare Therapieziel lautet vollständige Symptomfreiheit, um den Betroffenen ihre Lebensqualität zurückzugeben und deren Alltag wieder zu normalisieren.6,8

Um dieses Ziel zu erreichen, sind zwei Ansätze entscheidend:

  • Spezialisierte Urtikaria-Zentren nehmen eine unterstützende Rolle ein. Studien aus Ländern wie Portugal und Brasilien demonstrieren, dass eine Anbindung an diese Zentren mit einer besseren Symptomkontrolle und gesteigerten Lebensqualität korreliert.9,10 Dennoch zeigen Daten, dass bislang lediglich etwa sieben Prozent der Patient*innen an ein spezialisiertes Zentrum angebunden sind.4 Hier gilt es, Betroffenen den Zugang zu erleichtern.9
  • Ein weiteres Versorgungsdefizit zeigt sich im restriktiven Einsatz von Biologika im Praxisalltag. Hier besteht trotz eindeutiger Leitlinienempfehlung oft eine Zurückhaltung, obwohl unter der bisherigen Therapie mit Antihistaminika keine ausreichende Symptomkontrolle erzielt werden konnte.6,11


Um die Versorgungslücke bei der csU nachhaltig zu schließen, ist ein multimodaler Ansatz erforderlich:6,9,11

  • Symptomfreiheit als Therapieziel definieren
  • Leitliniengerechte Therapien nutzen
  • Spezialisierte Zentren als Partner einbinden


Nur durch eine konsequente Umsetzung der Leitlinien kann der Leidensdruck der Betroffenen effektiv gesenkt und das Therapieziel der Beschwerdefreiheit erreicht werden.

Sie interessieren sich für die in den Leitlinien empfohlenen Therapieoptionen bei chronischer spontaner Urtikaria? Mehr Informationen finden Sie hier. 

 

Referenzen

  1. Balp MM, et al. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025 Oct;39(10):1806–1817.
  2. Gonçalo M, et al. Br J Dermatol. 2021 Feb;184(2):226–236.
  3. Kocatürk E, Thomsen SF. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025 Sep 26;39(10):1711–1712.
  4. Wagner N, et al. Dermatol Ther (Heidelb). 2021 Jun;11(3):1027–1039.
  5. Zarnowski J, Kage P, Treudler R. Allergol Select. 2025 Feb 10:9:8–15.
  6. Zuberbier T, et al. Deutsche S3-Leitlinie zur Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Urtikaria, adaptiert von der internationalen S3-Leitlinie, 2022. AWMF-Leitlinienregister (013–028).
  7. Maurer M, et al. Br J Dermatol. 2016 Apr;174(4):892–4.
  8. Augustin M, et al. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2024 Nov;38(11):2102–2109.
  9. Esteves Caldeira L, et al. Eur Ann Allergy Clin Immunol. 2023 Jan;55(1):9–18
  10. Andrade Coelho Dias G, et al. Eur Ann Allergy Clin Immunol. 2020 May;52(3):112–120.
  11. Weller K, et al. Dermatol Ther (Heidelb). 2025 Oct;15(10):2925–2946.

 

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