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Auf der Haut auftretende Quaddeln (Nesselsucht)
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Auf der Haut auftretende Quaddeln (Nesselsucht)

Urtikaria & Komorbiditäten – gibt es einen Zusammenhang?


Die csU ist mit verschiedenen Komorbiditäten assoziiert, die sich auf ihren Verlauf auswirken. Welche Schnittmengen gibt es zwischen den einzelnen Krankheiten? Und lässt sich durch Therapie der einen auch die andere Erkrankung beeinflussen?

Die csU wird zunehmend als Systemerkrankung angesehen,1 bei der im Hintergrund eine geringgradige Entzündung schwelt.2  Zu den eigentlichen Krankheitssymptomen kommt die Belastung durch Komorbiditäten, die bei csU gehäuft auftreten und grundsätzlich abgeklärt werden sollten.3  Sie können sich sowohl auf die Entstehung als auch auf den Verlauf der Urtikaria auswirken.2 Stellt sich die Frage: Gibt es pathophysiologische Zusammenhänge zwischen csU und ihren Komorbiditäten – und wenn ja, welche therapeutischen Implikationen erwachsen daraus? Hier nehmen wir die häufigsten Begleiterkrankungen für Sie unter die Lupe. 

csU & Atopie

Atopische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Komorbiditäten bei csU-Patient*innen.2,4 Datenauswertungen des EU5 National Health and Wellness Survey von 2020 ergaben, dass bei 38,4 % bzw. 13,4 % der csU-Erkrankten gleichzeitig Allergien bzw. Asthma vorliegen.4 Kontrovers ist derzeit noch, inwieweit sich eine atopische Erkrankung auf die urtikarielle Aktivität auswirkt.2 Eine mögliche pathophysiologische Schnittmenge könnte die über T-Helferzellen vom Typ 2 vermittelte Entzündung sein, die bei Atopie vorherrscht, aber auch bei csU eine Rolle zu spielen scheint.2,5

csU & psychische Erkrankungen

Die europäische Erhebung zeigte zudem, dass csU-Patient*innen häufig unter psychiatrischen Begleiterkrankungen wie Angststörungen (24,1 %) und Depressionen (23 %) leiden.4 Gerade der Pruritus, der Befall sichtbarer Hautareale und die Unvorhersehbarkeit der Schübe können psychisch sehr belastend sein. Hinzu kommen Schlafstörungen (16,1 %), welche die Lebensqualität empfindlich beeinträchtigen können.4

Psychischer Stress kann wiederum urtikarielle Symptome aggravieren.3 Ein möglicher Erklärungsansatz für den Zusammenhang zwischen Stress und Exazerbation der Urtikaria könnten neuroimmunologische Wechselwirkungen sein, bei denen Substanz P involviert ist.2 Erhöhte Konzentrationen des Stress-assoziierten Neurotransmitters in der Haut rufen nämlich Quaddeln und Erytheme hervor.2 Durch Aktivierung des Mas-related G-protein coupled receptor X2 (MRGPX2) auf Mastzellen bewirkt Substanz P deren Degranulation.2 Bei csU-Erkrankten ist MRGPX2 hochreguliert und die Serumspiegel von Substanz P korrelieren mit der Krankheitsaktivität.2 

csU & Autoimmunerkrankungen

27,5 % der csU-Erkrankten entwickeln – einer Metaanalyse von 60 Studien zufolge –organspezifische Autoimmunerkrankungen,6  und zwar vor allem diejenigen mit autoimmunem Endotyp (IIb).2 Besonders häufig handelt es sich dabei um Schilddrüsenerkrankungen, die mit der Pathogenese der csU assoziiert sein können.2 Dabei nimmt man an, dass Bestandteile zerstörter Schilddrüsenzellen in das Blut übertreten und die Entstehung von Auto-Antikörpern gegen Thyreoperoxidase begünstigen, die wiederum die Aktivierung von Basophilen und Mastzellen vermitteln.2 Weitere autoimmune Komorbiditäten wie rheumatoide Arthritis,2 Lupus erythematodes, Diabetes mellitus Typ I und Zöliakie wurden beschrieben.

csU & metabolisches Syndrom

Häufig tritt die csU auch zusammen mit dem metabolischen Syndrom bzw. seinen einzelnen Komponenten (Adipositas, Diabetes mellitus, Hyperlipidämie, Hypertonie) auf.1 Möglicherweise befeuert die geringgradige systemische Inflammation diese ungünstige metabolische Entwicklung.7 Umgekehrt liegt bei Adipositas ebenfalls ein entzündlicher Status vor, der durch Verschiebung des Gleichgewichts zwischen pro- und antiinflammatorischen Mediatoren entsteht.1 Diese Dysbalance könnte zu einer vermehrten Aktivierung von Mastzellen und damit zur Aggravierung urtikarieller Symptome beitragen.1 Metabolische Begleiterkrankungen sind bei csU-Patient*innen mit einer höheren Krankheitsaktivität und einem schlechterem therapeutischen Ansprechen assoziiert.1 

 

Systemische Entzündung bei Adipositas

Bei Menschen mit Adipositas bildet das viszerale Fettgewebe vermehrt proinflammatorische Zytokine wie Interleukin(IL)-6, IL-1 und Tumornekrosefaktor α sowie Adipokine wie Lipocalin-2, während die Produktion antiinflammatorischer Mediatoren wie Adiponektin und IL-10 zurückgeht.1,2 Zudem finden sich im Fettgewebe adipöser Patient*innen vermehrt Mastzellen, die wiederum eine Schlüsselrolle bei der csU spielen.1 

Mortalität bei csU-Erkrankten

Wie ernst diese Komorbiditäten zu nehmen sind, zeigt eine US-amerikanische Real-World-Studie zur Mortalität, in der Gesundheitsdaten von 264.680 csU-Patient*innen mit einer entsprechenden Anzahl von Kontrollpersonen ohne Urtikaria verglichen wurden.7 Einziger, aber wichtiger Unterschied hinsichtlich der Patient*innen-Charakteristika zu Studienbeginn war ein höherer Body-Mass-Index in der Urtikaria-Kohorte. Die retrospektive Analyse ergab eine signifikant höhere 5-Jahres-Mortalität bei den csU-Erkrankten [HR 1,69 (95 % KI 1,65¬–1,73)]. Die Autoren führten die erhöhte Sterblichkeit auf Begleiterkrankungen zurück – allen voran auf suizidale Gedanken bzw. Handlungen, häufig aber auch auf zerebrovaskuläre Erkrankungen, Malignome und Diabetes mellitus.

Komorbiditäten behandeln: doppelter Nutzen?

Spannend ist nun die Frage, ob durch Behandlung der Begleiterkrankungen auch die Urtikaria gelindert wird. Dazu gibt es einige positive Hinweise: So kann durch die Behandlung der autoimmunen Hashimoto-Thyreoiditis auch die csU-Aktivität vermindert werden.2 Darüber hinaus liefert der Fallbericht eines ärztlichen Kollegen, der selbst an csU und Adipositas litt, einen ersten Anhaltspunkt, dass sich durch Gewichtsreduktion auch schwere Urtikaria-Symptome eindrucksvoll lindern lassen.8  Inwieweit daraus eine therapeutische Empfehlung für csU-Patient*innen abgeleitet werden kann, bleibt allerdings noch näher zu erforschen.

Das Ganze funktioniert aber auch in umgekehrter Richtung, denn eine effektive csU-Therapie kann die Mortalität senken.7 So zeigte die zuvor erwähnte Real-World-Studie, dass die Gesamtsterblichkeit nach 5 Jahren unter H1-Antihistaminika (H1-AH) niedriger als bei Unbehandelten war, und unter Omalizumab als Add-on zu H1-AHs signifikant niedriger als unter alleiniger H1-AH -Therapie.7  
 

Fazit


Bei csU sollten immer auch mögliche Komorbiditäten abgeklärt werden, da sie sich ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirken und die Mortalität erhöhen können. Durch deren Behandlung kann möglicherweise auch die Urtikaria positiv beeinflusst werden. Umgekehrt lässt sich die Gesamtmortalität durch eine wirksame csU-Therapie verringern.
 

Referenzen

  1. Zarnowski J et al. Chronische spontane Urtikaria, Adipositas und metabolische Erkrankungen. Adipositas 2022; 16(04): 212–219.
  2. Wagner, N., Berking, C. Erkennen und Management relevanter Komorbiditäten bei chronischer spontaner Urtikaria. Dermatologie 75, 289–294 (2024).
  3. Zuberbier et al. Deutsche S3-Leitlinie zur Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Urtikaria, adaptiert von der internationalen S3-Leitlinie, 2022. AWMF-Leitlinienregister (013-028). (abgerufen am 05.08.2025)
  4. Balp M-M, Krupsky K, Gupta S, Lienhard C, Kohli RK, Patil D, et al. Prevalence, treatment and burden of chronic spontaneous urticaria in five European countries. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025;00:1–12.
  5. Wong MM, Keith PK. Presence of positive skin prick tests to inhalant allergens and markers of T2 inflammation in subjects with chronic spontaneous urticaria (CSU): a systematic literature review. Allergy Asthma Clin Immunol. 2020;16:72.
  6. Kolkhir P, Borzova E, Grattan C, Asero R, Pogorelov D, Maurer M. Autoimmune comorbidity in chronic spontaneous urticaria: A systematic review. Autoimmun Rev. 2017 Dec;16(12):1196-1208.
  7. Kolkhir P, Bieber K, Hawro T, et al. Mortality in adult patients with chronic spontaneous urticaria: A real-world cohort study. J Allergy Clin Immunol. 2025;155(4):1290-1298.
  8. Abrahim M. Caloric Restriction and Remission of Severe Chronic Spontaneous Urticaria: An Autobiographical Case Report. Cureus 2021; 13: e1937.