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Terminales Nierenversagen: Dialyseverfahren im Wandel


Seit der ersten erfolgreichen extrakorporalen Hämodialyse am Menschen vor gut hundert Jahren (Georg Haas, Gießen 1924) hat sich die Hämodialyse zur meistverwendeten Therapie bei terminalem Nierenversagen entwickelt.1,2

Derzeit sind in Deutschland mehr als 100.000 Menschen dialysepflichtig – Tendenz steigend.3 Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie wird der Bedarf an nephrologischer Versorgung bis 2030 im Vergleich zu 2022 um bis zu 24 Prozent zunehmen. Gleichzeitig scheiden in diesem Zeitraum rund 27 Prozent der derzeit tätigen Nephrolog*innen altersbedingt aus dem Berufsleben aus, ohne dass die zu erwartende Nachfolge diesen Rückgang vollständig kompensieren kann.4 Daher stellt sich die Frage, welche neuen Dialysestrategien die Patientenversorgung vereinfachen, verbessern und nachhaltig sichern können.
 

Chronische Nierenkrankheit: Status quo der Nierenersatztherapie

Die Hämodialyse ist die häufigste Dialyseform.5 Als extrakorporales Dialyseverfahren verlangt sie in der Regel nach einem chirurgisch angelegten Venen-Arterien-Kurzschluss“: dem Dialyseshunt.6 Zu den potenziellen Komplikationen eines solchen Shunts gehören der akute Shuntverschluss, ein zu hohes Shuntvolumen mit der Gefahr einer chronischen Rechtsherzbelastung sowie eine Shuntinfektion mit der Gefahr schwerer systemischer Folgen bis zur Sepsis.7

Insgesamt gilt die Hämodialyse in Klinik oder Zentrum aber als sehr sicheres Dialyseverfahren, nicht zuletzt, weil hier Fachärzt*innen im Falle von Komplikationen sofort intervenieren können. Jedoch ist die Versorgung zeitaufwendig (4–5 Stunden pro Sitzung, mehrmals pro Woche) sowie fachpersonal- und kostenintensiv.2,5 Der wesentliche limitierende Faktor für die künftige Tragfähigkeit der Hämodialyse in Klinik oder Zentrum sind also die Ressourcen.

Bei der Peritonealdialyse, der zweiten Hauptform der Dialyse, fungiert das Peritoneum als biologische Filtermembran, sodass die Blutreinigung intrakorporal erfolgt. Hierzu wird ein Katheter in die Bauchhöhle implantiert, der dauerhaft verbleibt. Zu den möglichen Komplikationen zählen Schmerzen, Infektionen sowie Obstruktionen infolge von Verklebungen oder Katheterknicken.8 

Weil eine Peritonealdialyse zu Hause erfolgt, setzt sie bei den Patient*innen ein deutlich höheres Maß der Mitarbeit und Eigenverantwortung voraus als eine Hämodialyse in der Klinik oder im Zentrum.8 Der wesentliche limitierende Faktor ist hier also die Adhärenz. Dies muss insbesondere bei älteren, multimorbiden Patient*innen beachtet werden.9,10
 

Akute Nierenfunktionseinschränkung: Intensivmedizinische Nierenersatztherapie mit neuen Optionen

Bei akutem Nierenversagen stehen in der Intensivmedizin die kontinuierliche Hämodialyse zur Verfügung, die intermittierende Hämodialyse sowie mittlerweile auch Verfahren, die Charakteristika beider Ansätze aufweisen.11 Medizinisches Ziel dieser Weiterentwicklungen ist es, die kreislaufschonenden Eigenschaften der kontinuierlichen Nierenersatztherapie und die hohe Effizienz der intermittierenden Nierenersatztherapie zu kombinieren.

Ein Beispiel hierfür ist die SLEDD (Slow Low-Efficient Daily Dialysis). Mit ihrer im Vergleich zur intermittierenden Dialyse längeren Behandlungsdauer von 6 bis 12 Stunden pro Tag stellt die SLEDD eine Brücke zur kontinuierlichen Hämodialyse dar. Insgesamt kombiniert die SLEDD hohe Effektivität mit guter kardiovaskulärer Stabilität. Im Vergleich zur kontinuierlichen Hämodialyse kann sie potentiell Materialkosten (kein Wechsel von Dialysatbeuteln nötig), Medikamentenkosten (geringere Antikoagulationsmenge benötigt) und Betreuungsbedarf einsparen.12
 

Ausblick: Mit kombinierter Innovationskraft in die Zukunft der Dialyse

Weiterentwicklungen wie die SLEDD zeigen, dass bewährte Dialyseverfahren mithilfe technischer und medizinischer Innovationen auf neue Ebenen gehoben werden können – für eine effizientere und bessere Patientenversorgung sowohl in der Behandlung der akuten als auch der chronischen Nierenfunktionseinschränkung. Es geht also nicht unbedingt darum, das Rad neu zu erfinden. Es kann auch viel bewirken, bewährte Verfahren weiterzuentwickeln.

In der Versorgung von Patient*innen mit chronischer Nierenkrankheit dürfte sich der Fokus zunächst auf den Ausbau der bereits verfügbaren Heim-Hämodialyse (HHD) richten. Denn mit einer Heimdialyse-Quote von unter sieben Prozent belegt Deutschland im internationalen Vergleich derzeit noch einen hinteren Platz.13 Neuartige tragbare Dialysegeräte befinden sich aber kurz vor der Marktreife und können die Entwicklung hin zu einer stärker genutzten Heim-Hämodialyse unterstützen.14

Dagegen mögen revolutionäre Entwicklungen wie implantierbare bioartifizielle Nieren noch wie ferne Zukunftsmusik klingen. Ehrgeizige Unternehmungen wie das kalifornische „Kidney Project“ machen aber berechtigte Hoffnung, dass diese Zukunftsmusik bald deutlich lauter wird.15

 

Referenzen

  1. Benedum J. Die Frühgeschichte der künstlichen Niere. Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2003; 38: 681–688.
  2. Wieringa F. Nephrologie aktuell 2023; 27: 26–30.  
  3. Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin. Dialyse-Shunts als gefäßmedizinische Herausforderung – DGG fordert Qualitätsstandards für Dialyse-Zugänge bei Nierenleiden. https://www.gefaesschirurgie.de/aktuelles/presse/detailseite/dialyse-shunts-als-gefaessmedizinische-herausforderung-dgg-fordert-qualitaetsstandards-fuer-dialyse-zugaenge-bei-nierenleiden, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  4. Deutsche Gesellschaft für Nephrologie: Fakten zur Nephrologie,  https://www.dgfn.eu/hintergrundmaterial.html; DGFN-Fakten-Nephrologie-2025-1.pdf, zuletzt aufgerufen am 09.02.2026.
  5. Gesundheitsinformation.de. Hämodialyse bei chronischer Nierenkrankheit (Niereninsuffizienz). https://www.gesundheitsinformation.de/haemodialyse-bei-chronischer-nierenkrankheit-niereninsuffizienz.html, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  6. Charité – Universitätsmedizin Berlin. Dialyseshunts. https://radiologie.charite.de/interventionsradiologie/behandlung_von_gefaesserkrankungen/dialyseshunts, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  7. e.Medpedia. Dialyseshunt: Management von Komplikationen. https://www.springermedizin.de/emedpedia/detail/klinische-angiologie/dialyseshunt-management-von-komplikationen?epediaDoi=10.1007%2F978-3-662-61379-5_25, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  8. Gesundheitsinformation.de. Entscheidungshilfe Chronische Nierenkrankheit – Peritonealdialyse oder Hämodialyse? https://www.gesundheitsinformation.de/pdf/chronische-nierenkrankheit/eh_chronische_nierenkrankheit_dialyse.pdf, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  9. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie. Nierenprobleme und Gebrechlichkeit: Altersmediziner arbeiten an neuen Therapiekonzepten und besserer Aufklärung. https://www.dggeriatrie.de/ueber-uns/aktuelle-meldungen/1907-nierenprobleme-und-gebrechlichkeit-altersmediziner-arbeiten-an-neuen-therapiekonzepten-und-besserer-aufklaerung, letzter Aufruf am 26.01.2026.
  10. 17. Essener Peritonealdialyse-Gespräch - Das Peritoneum im Blickpunkt. Dialyse aktuell 2011; 15(2): 117–118.
  11. Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin et al. S3-Leitlinie Nierenersatztherapie in der Intensivmedizin. V 1.1 vom 04. Apr. 2025; AWMF-Register: 040-017.
  12. Zierhut S, Kammerl M. Intensivmed 2009; 46: 490–495.  
  13. Schrumpf T, Schulte K, Schmitt R. Dtsch Med Wochenschr 2024; 149(14): 818–824.
  14. Blüchel C, Kitsche B. Nephrologie aktuell 2025; 29(05): 223–237.
  15. University of California San Francisco. The Kidney Project. https://pharm.ucsf.edu/kidney, letzter Aufruf am 26.01.2026.